Ab April hat die Post per Gesetz den Auftrag, neben dem physischen auch einen digitalen Brief anzubieten. (Adobe Stock)
Wirtschaft
12.1.2026 | nzz.ch
Innovativ oder überflüssig? Der digitale Brief der Post macht privaten IT-Firmen Konkurrenz. Diese sind besorgt
Die Post bietet einen digitalen Brief an, der ab diesem Jahr Teil der Grundversorgung ist. Ob dies sinnvoll ist, ist umstritten.
In so manches E-Mail-Postfach schwemmen dieser Tage blumig freundliche Zeilen auf gelbem Grund. «Willkommen in Ihrem digitalen Briefkasten. Schön, dass Sie da sind», heisst es da. Es ist Werbung für das neue Produkt der Post: den digitalen Brief. Mit diesem sollen Nutzer Briefe in der Post-App digital und verschlüsselt verschicken und empfangen können.
Manche Empfänger mögen das neue Angebot nützlich finden. Für andere ist es nur nervig. Und Firmen, die ähnliche digitale Dienste anbieten, fühlen sich sogar bedroht. Denn dass der Brief kommt, ist Gesetz.
Was ist der digitale Brief?
Im Dezember hat der Bundesrat beschlossen, den digitalen Brief ab April in den Grundversorgungsauftrag der Post aufzunehmen. Dadurch soll sich die Post an das veränderte Nutzerverhalten anpassen. Ohne viel Papier und einen physischen Briefkasten lässt sich der digitale Brief von unterwegs öffnen. Auf dem Laptop oder Smartphone.
Die Post betreibt bereits heute ein digitales System. Dieses unterscheidet sich jedoch vom digitalen Brief, der ab April Teil der Grundversorgung ist. Derzeit können nur Geschäftskunden und keine Privatpersonen Briefe und Dokumente per Post digital versenden.
Die Steuerverwaltung etwa kann Steuerrechnungen in den digitalen Briefkasten von Privatpersonen zustellen. Beim Empfang können Unternehmen wie Privatpersonen bereits heute wählen, ob sie das digitale Dokument digital oder physisch ausgedruckt erhalten möchten. Für Kunden, die alle Post digital empfangen möchten, stellt die Post einen Scan-Service bereit: Physische Briefe werden geöffnet, eingescannt und hochgeladen. Und das Postgeheimnis? Laut der Post werden die Briefe in der Regel automatisiert geöffnet und gescannt. Falls vereinzelt doch Personen Briefe öffnen und einscannen müssten, seien sie strafrechtlich zur Geheimhaltung verpflichtet.
Den Scan-Service beim Empfangen bietet die Post bereits seit 2021 an. Ihn nutzen zurzeit 4000 Firmen sowie 12 000 Privatpersonen als Empfänger. Mehr als doppelt so viele wie noch vor einem Jahr. 2025 wurden 4,5 Millionen Sendungen mit dem digitalen System verschickt. 2024 waren es 2,8 Millionen. Das ist im Vergleich zu den rund 1,5 Milliarden insgesamt physisch verschickten Briefen im selben Jahr ein kleiner Teil.
Die Post will in das Geschäft mit der Digitalisierung vordringen
Neu beim digitalen Brief wird sein, dass auch Privatpersonen Briefe digital versenden können. Schickt also Herr Meier per Post-App einen digitalen Brief an Frau Müller, wird der Brief entweder elektronisch oder ausgedruckt physisch zugestellt – je nach angegebenen Präferenzen von Frau Müller. Schickt Frau Müller einen physischen Brief zurück, Herr Meier will aber nur digitale Briefe empfangen, scannt die Post den Brief im Scan-Zentrum ein. Der Versand in der vollständig digitalen Version kostet 40 Rappen, bei einer physischen Zustellung fallen neben dem Porto auch die Kosten für Druck und Papier an. Ein A-Post-Brief kostet dann 1.65 Franken. Das Ganze nennt die Post ein hybrides Zustellsystem.
Auf dieses hybride Zustellsystem pocht die Post. Denn es ist ihre Legitimation dafür, weiter in das Digitalgeschäft vorzudringen.
Jonathan Fisch, Mediensprecher der Post, sagt, die Post sei prädestiniert für die hybride Zustellung, weil sie physische und digitale Briefe zustellen könne. Briefe bis in das hinterste Tal oder den hintersten Weiler des Landes zu bringen, sei Teil ihres Grundversorgungsauftrags.
Doch was passiert, wenn das Briefgeschäft weiterhin zurückgeht – wie derzeit jährlich um etwa fünf Prozent? Fisch sagt, es brauche eine Grundsatzdiskussion darüber, was die Post im Auftrag der Öffentlichkeit leisten muss und was nicht. Ob es auch in 10 oder 20 Jahren noch einen Grundversorgungsauftrag für physische Briefpost brauche, sei eine politische Diskussion. Und ja, diese müsse geführt werden. Für die Post sei aber klar: Massgebend seien die Kundenbedürfnisse. Solange Briefe verschickt würden, komme der Pöstler zum Briefkasten.
Die Weko sieht kein Marktversagen
Dass der digitale Brief neu Teil des Service public wird, ruft Kritiker auf den Plan. Ein Grundversorgungsauftrag wird vergeben, wenn die Versorgung wichtig ist für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenleben und private Anbieter die Leistung nicht ausreichend, flächendeckend und günstig genug erbringen würden.
Die Wettbewerbskommission (Weko) lehnte in der Vernehmlassung die Aufnahme des hybriden Zustellsystems in die Grundversorgung ab. Es liege kein Marktversagen vor, und die Post könne die digitale Dienstleistung weiterhin ausserhalb der Grundversorgung betreiben. Die Weko schrieb auch, die Post weite dadurch ihr Restmonopol auf das hybride Zustellsystem aus.
Private Anbieter fürchten, dass mit der Post ein starker, von Staatsgeldern getragener Player auf den Markt kommt und diesen verzerrt. Die Dachverbände Economiesuisse und der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) sprachen sich gegen die Aufnahme des digitalen Briefes in die Grundversorgung aus. Der Verband der ICT- und Online-Branche Swico schreibt auf Anfrage: Eine sichere elektronische Kommunikation und auch eine hybride Zustellung würden heute umfassend und flächendeckend vom Markt bereitgestellt.
Ralf Hauser, Gründer und CEO des Digitalunternehmens Privasphere, befürchtet eine Schwächung der Branche. Seine Firma bietet ebenfalls digitale Postfächer an, hat sich jedoch auf den elektronischen Rechtsverkehr spezialisiert. Für Ämter erstellt sie beispielsweise strukturierte Formulare für spezielle Anträge, etwa für Zulassungsbewilligungen für Strassentransportunternehmen.
Hauser sagt, die Ergänzung der Grundversorgung um einen digitalen Brief wirke auf ihn als «zusätzliche, in einer Verordnung verankerte Defizitgarantie» der Post. Die Post dränge die Privatwirtschaft zurück. Digitalunternehmen müssten mindestens kostendeckend arbeiten, während die Post sie bei den Preisen unterbieten könne. Dadurch entstehende Verluste könnten durch den neuen Grundversorgungsauftrag gerechtfertigt werden.
Vorwurf, die Post dränge die Privatwirtschaft zurück
Der Post ist die Kritik aus der Privatwirtschaft bekannt. Der Post-Mediensprecher Fisch sagt zum Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung: «Der gesetzliche Auftrag bedeutet nicht, dass wir exklusive Vorteile haben.» Im Gegenteil. Die Aufnahme in den Grundversorgungsauftrag sei mit regulatorischen Auflagen verbunden. Im Gegensatz zu einem Privatunternehmen habe die Post einen gesetzlichen Auftrag und könne nicht einfach das Angebot einstellen, falls es nicht laufe. Aber für die Post sei es richtig und wichtig, dass sie den digitalen Service public weiterentwickeln könne.
Die Post will den digitalen Brief in den kommenden Wochen nun noch stärker bewerben. Damit möglichst viele davon wissen, wenn er ab dem 1. April in der Grundversorgung angeboten wird.
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